Venedig

skandalöös!

Ohne dieses Kapitel wäre eine Beschreibung von Venedig nicht komplett!

Daß die Veneziener keine Kinder von Traurigkeit waren, ist hinlänglich bekannt. Doch nur selten werden in Reisegruppen mit mehr als 2 Personen die Fragen erörtert, die so manchem Venedig Besucher insgeheim auf der Zunge brennen.

Wir verraten ja kein Geheimnis: Wer träumt nicht davon, in Venedig zu heiraten? In der Stadt der Liebe! Ja, das war sie auch schon damals. Doch überwiegend der käuflichen: Rund 23.000 offiziell registrierte *BEEEP* versahen hier ihren Dienst. Und nicht zufällig galten sie als Königinnen ihrer Profession.

Wen wundert es, dass da zu Karnevalszeiten der Zustrom an Besuchern aus aller Welt um ein Vielfaches anschwoll?

Im Zentrum des Vergnügens

Venedig war das europäische Zentrum des Vergnügens. Bereits im 16. Jahrhundert erschienen gedruckte (!) Kataloge vor die Besucher der Stadt, in denen die Adressen und besonderen Reize der raffiniertesten und teuersten *BEEEP* aufgezählt wurden.

Michele de Montaigne,
verausgabt in Venedig

Etwa zur gleichen Zeit wunderte sich Michel de Montaigne in seinem Reisetagebuch, *BEEEP* "in solcher Zahl zu treffen, etwa hundertfünfzig, die an Möbeln und Kleidern den Aufwand einer Prinzessin treiben".

Allerdings blieb er nur eine Woche in Venedig. Ob seine Reisekasse vorzeitig aufgezehrt war oder weshalb auch immer, sei dahingestellt.

*BEEP* in the Gondel

"Die Venezianerinnen sind gewiss reizende Geschöpfe und ganz gemacht zur Wollust ...

 

So bald sie nur einen Jüngling ansehen, scheint eine bräutliche Schaamröthe um ihren Mund herum in einem wollüstigen Lächeln aufzugehen, als ob man sie schon vor dem Bett halb entkleidet vor sich hätte. Alles stimmt bey ihnen auf den Hauptzweck, die Wollust, bis auf ihre Gondeln, die die vollkommenste Lage zum bequemsten Genuss anbieten; einen weichen Polster für den Hintern, der den Wollusttheilen völligen Raum und alle Freyheit lässt, und zwey Bänke daneben, die Beine darauf auszubreuten. Jeder Ruck des Gondelführers mit dem Ruder ist ein Wolluststoss."

(Wilhelm Heinse, "Ardinghello")

 

Wir tun ja viel für Sie, werte Leser, aber bitte haben Sie Verständnis, dass wir die Eignung venezianischer Gondeln als Lustschaukeln nicht eingehend in situ untersucht haben. Wir lassen das einfach mal so stehen und hoffen, sie mögen uns auch dieses Wortspiel nachsehen.

Bei alledem nimmt es natürlich kaum Wunder, dass der Karneval, wie vieles im Leben ohne Zügel, rasch an Fahrt aufnahm und zunehmendes Raffinement gewann:

 

Während sich die Venezianer zu den Anfangszeiten des Karnevals noch in Felle wickelten und unter Absingen sinnesfroher Lieder wie etwa "Trinkt, esst, guten Käse, gute Früchte, gutes Fleisch, gute Nudeln, gutes Huhn, guten Kapaun, trinkt und esst, bis es nicht mehr geht!" lärmend durch die Straßen zogen, sieht man im späten Karneval ab ca. 1786 neben Türken, Mauren, Dalmatier, diversem irdischem wie himmlischen Gefleuch, gar junge Mädchen, die ihren Pudel als Baby gewickelt haben, Opfer des Schankers aller Härtegrade mit überdimensionalen, entstellten *BEEEP*, Mörder, Henker, Verurteilte mit und ohne Kopf, Lust- und Wüstlinge; Geistreiche, die sich als Deutsche verkleiden, Verschwender als Schweizer, Frauen als bärtige Athleten, Männer als Frauen, Männer mit Frauen, Frauen mit Frauen, Männer mit ... ja.

Eben die breite Palette einer vormodernen Spaßgesellschaft, die sich vorzustellen wir nur von der Phantasie begrenzt werden.

O tempora, o mores

Sittengemälde zeichnen sich meistens wie von selbst, aber nicht durch die Beschreibung der herrschenden Sitten, sondern eher durch die ihrer Verbote und Verordnungen:

Du sollst nicht falsche Bärte tragen

  • Am Am 12. Februar 1339 wird das Tragen von Masken überhaupt verboten. Rund 100 Jahre später,

  • 1458, erläßt der Rat der Zehn ein Dekret, das es als Frauen verkleideten Männern verbietet, in Nonnenklöster einzudringen. Was wohl wenig fruchtet, wie man sieht, da die Erneuerung des totalen Maskenverbots in immer kürzeren Abständen erneuert werden.

  • 1502 verbietet der Rat der Zehn "das Tragen falscher Bärte, künstlicher Haare, der Masken und überhaupt jede Form der Verkleidung".

  • 1504 folgt eine wörtliche Wiederholung. Im Laufe des Jahrhunderts folgen weitere Verbote, die nun auch das Tragen von Waffen mit einbeziehen.

Augen-Brotzeit in Venedig

Im 16. Jh. richtet die Regierung in der Nähe von Rialto ein Rotlichtviertel ein, wo man bisweilen *BEEEP* mit entblößtem *BEEEP* am Fenster sitzen sehen konnte.

Zum Inbegriff dieses Spektakels wurde schließlich die Ponte delle Tette, was man bündig auch mit Tittenbrücke übersetzen könnte, die den Rio Terà  delle Carampane überspannt.

Das ging so lange, bis das Entblößen der *BEEEP* zur PFLICHT wurde!

 

In der Tat eine nicht ganz unkonventionelle Maßnahme, die den ihr zugedachten Zweck auch nicht erfüllte: Nämlich der um sich greifenden Homosexualität Einhalt zu gebieten. Wirksamer war da vermutlich eher die Strafe gegenüber jenen, die sich gleichgeschlechtlicher Akte "schuldig" gemacht hatten: sie wurden zwischen den Säulen der Piazetta aufgehängt und verbrannt.

Aber das tat der Liebe keinen Abbruch: An der Ponte delle Tette wurde auch weiterhin aus Leibeskräften flaniert, Venezianer wie Touristen, die dem Lockruf der Sünde aus der ganzen Welt nach Venedig gefolgt waren.

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Skandal zum An- und Abschrauben

In diesem Zusammenhang darf natürlich ein Kunstwerk nicht fehlen: Die Bronze "The Angel of the City" von Mario Marini vor dem Peggy Guggenheim Museum .

 

Der *BEEEEEEEP* konnte ursprünglich zu gewissen Anlässen ab- (oder an-!?) geschraubt werden, um Passanten nicht unnötig in Erregung zu versetzen.

 

Es seien aber, so der Mythos, so viele dieser *BEEEEP* im Laufe der Zeit gestohlen worden, dass man sich dazu entschlossen habe, den Skandal einfach anzuschweissen.

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